Am 12. September 1862 wurde in Brandenburg an der Havel ein neues Kapitel der Stadtgeschichte aufgeschlagen: Das erste Gaswerk nahm offiziell seinen Betrieb auf. Betriebsbereit war es bereits Anfang September – gefeiert wurde jedoch bewusst später. Der Grund: Vollmond. Bei hellem Mondlicht wäre der Gasverbrauch zu gering gewesen, denn Gas diente damals ausschließlich der Beleuchtung. Zwei Jahre später erhellten bereits 377 Gaslaternen die Straßen der Stadt.

Der Weg dorthin war allerdings lang. Erst 1860 entschied sich die Stadt, ein eigenes Gaswerk zu errichten – und es auch selbst zu betreiben. Mit der Planung wurde der Stettiner Ingenieur Wilhelm Kornhardt beauftragt, die Bauleitung übernahm Hans Victor von Unruh. Der Standort lag neben dem Güterbahnhof in der heutigen Geschwister-Scholl-Straße. Für 6.000 Taler wurde das Grundstück erworben, insgesamt kostete das Projekt über 100.000 Taler – eine enorme Summe für die damalige Zeit.

Das Werk verfügte über vier Öfen, einen Gasbehälter und ein rund 16,5 Kilometer langes Leitungsnetz. Jährlich sollten etwa 340.000 Kubikmeter Gas produziert werden. Doch schon wenige Jahre später zeigte sich: Der Bedarf wuchs schneller als erwartet. Bereits 1877 waren erste Erweiterungen notwendig. Ende des 19. Jahrhunderts stieß das Werk schließlich an seine Grenzen.

Die Lösung: ein neuer Standort. In der Neuendorfer Straße – heute Caasmannstraße – entstand ein modernes Gaswerk, das am 8. Oktober 1908 ans Netz ging. Mit einer Tagesleistung von 30.000 Kubikmetern setzte es neue Maßstäbe. Nach weiteren Ausbaustufen verließen jährlich bis zu 36 Millionen Kubikmeter Gas das Werk. Die Versorgung erfolgte flexibel per Bahn und Schiff – ein entscheidender Vorteil für den wachsenden Energiebedarf von Industrie und Haushalten.

Denn längst wurde Gas nicht mehr nur für die Straßenbeleuchtung genutzt. Immer mehr Betriebe setzten auf die neue Energiequelle, und auch in den Haushalten hielt Gas Einzug – etwa beim Kochen. Gleichzeitig verlor es seine Bedeutung für die Beleuchtung zunehmend an den aufkommenden Strom. Um die Anlagen besser auszulasten, wurden in den 1920er Jahren auch Plaue und das Reichseisenbahnwerk in Kirchmöser über Hochdruckleitungen angeschlossen.

Der Zweite Weltkrieg brachte schwere Schäden für das Gaswerk mit sich. Erst im März 1946 konnte die Produktion wieder aufgenommen werden. In den folgenden Jahren liefen die Anlagen zunehmend an ihrer Leistungsgrenze. Parallel begann bereits der Umstieg auf Ferngas: Ab 1952 wurde zunächst das Stahlwerk versorgt, 1968 schließlich auch die Stadt. Am 2. April 1968 endete die Geschichte der städtischen Gasproduktion endgültig. Das Gaswerk wurde stillgelegt, die großen Gaskessel in den 1980er Jahren abgerissen. Einige der markanten Klinkerbauten jedoch sind bis heute erhalten – als stille Zeugen eines wichtigen Kapitels der Energiegeschichte Brandenburgs.

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